Thursday, June 15, 2017

Reporting 2025: Investoren drängen zum Wandel

Die Ansprüche an die Berichterstattung von Unternehmen verändern sich laufend. Aus Megatrends wie Globalisierung, Digitalisierung, Vernetzung und der Entwicklung zu nachhaltigem und verantwortungsvollen Handeln resultieren steigende Anforderungen. Mit integrierter Berichterstattung allein sind diese nicht zu bewältigen. Nur mit einem tiefgreifenden Wandel von Strukturen und Prozessen des Reporting und der Corporate Governance und dem Einsatz spezifischer IT-Tools, können aus der Fülle von Informationen die richtigen Schlüsse gezogen und nachhaltige Entscheidungen getroffen werden.

Seit der Einführung des International Integrated Reporting Frameworks (<IR>) 2013 erkennen auch in der Schweiz immer mehr Unternehmen den Wert einer integrierten Unternehmensberichterstattung und ihr positiver Einfluss auf das Verhältnis zu Investoren, Mitarbeitenden und anderen Stakeholdern und nicht zuletzt auf die Reputation. So veröffentlichte zum Beispiel das Schweizer Spezialchemieunternehmen Clariant vor einigen Wochen erstmals einen integrierten Bericht, in welchem das Geschäftsmodell im Zentrum eines ganzheitlichen Ansatzes steht, in Verbindung mit der Offenlegung von wesentlichen finanziellen und nicht-finanziellen Kennzahlen. Im Gegensatz dazu legen aber immer noch viele Unternehmen zu wenig Fokus auf jene relevanten und interagierenden Informationen, welche das ethische, verantwortungsvolle, nachhaltige Handeln und die langfristigen Perspektiven des Unternehmens auf klare, präzise, zusammenhängende und vergleichbare Weise darstellen. Denn die Glaubwürdigkeit von integrierten Geschäftsberichten ist weniger vom Umfang und der Genauigkeit der Zahlen – diese werden ohnehin von den Auditoren geprüft – sondern vielmehr vom Entstehungsprozess und vom Umgang mit den Resultaten abhängig. Stakeholder wollen Antworten auf Fragen wie: Wie wird das Geschäftsmodell entwickelt? Wie arbeitet das Top Management zusammen? Wie werden die Anliegen von Stakeholdern bei Entscheidungen berücksichtigt? Wie wird die Nachhaltigkeit sichergestellt?

Corporate Governance im Mittelpunkt

Die Suche nach Antworten rücken die Corporate Governance in den Mittelpunkt. Sie kann nicht mehr nur das rechtlich einwandfreie und ethisch korrekte Handeln des Unternehmens sicherstellen, sondern muss so strukturiert sein, dass die Geschäftstätigkeit jederzeit von Ethik, Langfristigkeit und Nachhaltigkeit geprägt ist. Es ist heute weitherum anerkannt, dass eine integrierte Berichterstattung die Unternehmensorgane bei strategischen Entscheidungen und bei den Governance und Risk Management Prozessen unterstützen kann. Dazu ist jedoch eine spezielle Prozessentwicklung nötig, um jene wesentliche Vorgänge herauszuarbeiten, die einen Einfluss auf Strategie, Geschäftsmodell oder Wertentwicklung haben. Die weiteren Prozesse müssen zudem eine langfristige Sichtweise und direkte Verantwortung der Unternehmensführung sicherstellen. Das integrierte Reporting wird so zu einem wesentlichen und untrennbaren Bestandteil der Corporate Governance, führt zu mehr Interaktion zwischen Verwaltungsrat und Management und zu einer erweiterten Sichtweise. Es hilft den Organen des Unternehmens, das Geschäftsmodell rechtzeitig Veränderungen anzupassen und langfristige Strategien zu den entwickeln. Zudem unterstützt es die Entscheidungsfindung und führt zu einem besseren Verständnis der „Trade-offs“ zwischen verschiedenen Handlungsmöglichkeiten, Kapital- und Ressourcenzuteilung. Die ganze Organisation akzeptiert, dass sich finanzielle- und nicht-finanzielle Leistungen gegenseitig beeinflussen. Die Wertschöpfung und ihre Auswirkung auf Gesellschaft und Umwelt als auch auf das Unternehmen selbst erhalten so einen höheren Stellenwert. Das heutige Reporting ist längst nicht perfekt, aber geprägt vom Fortschritt, den es zu einer immer wichtigeren Säule der Corporate Governance macht.

Integriertes Denken muss vorausgehen

Damit die integrierte Berichterstattung nicht „l’art pour l’art“ bleibt, muss ihr integriertes Denken vorausgehen. Denn erstere ist nur dann effektiv, wenn die Entscheidungen, auf weit mehr Informationen abgestützt werden als auf die traditionelle Finanzanalyse. Eine integrierte Denkweise vernetzt Chancen, Risiken und Verhalten. Beide Elemente zusammen unterstützen die nachhaltige Geschäftsentwicklung entscheidend. Beide haben ihre Stärken und bringen wertvollen Nutzen. Im Rahmen der Corporate Governance gemeinsam angewendet verfügen sie über eine transformative Kraft. Ein Arbeitspapier der International Federation of Accountants (IFAC) bezeichnet als Schlüsselbereiche des integrierten Denkens: externe Wertorientierung, integrierte Planung, effektive Kontrollaufsicht sowie integrierte Kommunikation. Für viele Unternehmen bedeutet dies eine Änderung des Verhaltens, der Aufbau einer resilienteren Organisation und ein grösseres Vertrauen in die Tätigkeit von Business und Verwaltung.

Neue Technologien treiben Reporting

Grossen Einfluss auf die Zukunft der Governance und des integrierten Reporting haben neue Technologien insbesondere der Informationsverarbeitung. Unternehmen wie Investoren haben begonnen, die Möglichkeiten der fortschreitenden Digitalisierung auszuloten. Dazu gehört etwa der raschere Zugang zu klarer, besser vernetzter Information, die durch alle Unternehmensteile fliesst. Zwei Aspekte sind dabei wichtig. Erstens: Können die Informatiker eines Unternehmens besseren Zugang zu den Daten gewähren und die Organe von sich aus auf wesentliche Informationen und Veränderungen aufmerksam machen? Und zweitens: Wie kann die Digitalisierung die Erkenntnisse der Anwender und die Qualität des Reporting verbessern? Denn mehr Informationen sind nicht notwendigerweise besser – die Informationen selbst müssen besser werden, die Elemente der Wertschöpfung eng vernetzt und die gegenseitigen Abhängigkeiten aufgezeigt werden. Dafür können immer leistungsfähigere IT-Tools und Systeme sorgen, mit denen die relevanten Daten analysiert und Berichte aufbereitet werden. Spezifische Anwendungen sollen zukünftig allen Unternehmensteilen eine mehr oder minder intuitive Analyse und Kommentierung ermöglichen. Schliesslich dürfte auch „Big Data“, also die Nutzung grosser, meist unstrukturierter Datenmengen für Analysezwecke, zusehends Einfluss auf die Unternehmenssteuerung und damit auf das Reporting haben.

Die Fortschritte im Reporting und in der Corporate Governance führen dazu, dass Unternehmen mehr denn je Rechenschaft über ihre Tätigkeit ablegen und Nachhaltigkeit und Wertschöpfung zum Wohl von Umwelt und Gesellschaft viel stärker berücksichtigen müssen. Neue Technologien ermöglichen den Stakeholdern den Zugang zu relevanten Daten, diese zu sammeln, zu prüfen und zu analysieren. Auf der anderen Seite können Firmen dank der fortschreitenden Digitalisierung integrierter arbeiten. Ethische Werte, Ruf und Risikomanagement bestimmen zunehmend die Entscheide. Neue Indikatoren tauchen auf und verbessern die Steuerungsfähigkeit. All diese Faktoren führen auch in Zukunft zu Veränderungen in der Unternehmensberichterstattung und in der Corporate Governance, von denen die Unternehmen, die Investoren und die Gesellschaft gleichermassen profitieren können.

Dieser Artikel erschien aus Anlass des Geschäftsberichte-Symposiums 2017 erstmals im Magazin "persönlich" vom 5. Mai 2017.